Golgotha

Frank Martin schreibt zu seinem Werk: «Golgotha stellte für mich ein einzigartiges Ereignis in meinem Leben als Komponist dar. Der Entschluss zu dieser Komposition entsprang nicht einer bewussten Auswahl wie zum Beispiel der Entschluss, den Cornet von Rilke oder den Sturm von Shakespeare zu vertonen. Alles schien es mir zu verbieten; vor allem ein wahrer Kult, den ich von Kindheit an (und bis auf den heutigen Tag) der Matthäuspassion von J.S. Bach geweiht habe, aber vielleicht noch mehr die Tatsache, dass ich mich unwürdig fühlte, ganz und gar unwürdig, ein solches Thema zu behandeln. Nicht und niemand hatte mich je dazu herausgefordert. Dafür war etwas vonnöten, das ich wie einen Ruf empfand, und diesem Ruf habe ich mich zunächst mit allen Mitteln widersetzt. Doch der Ruf war stärker als mein Widerstand, und ich habe mich an die Arbeit gemacht …» (Frank Martin in einem Brief an Willy Fotsch, Februar 1970)

Frank Martin (1890-1974) gilt als Klassiker der Moderne. Mit seinem Werk Golgotha schuf er eine Passion des 20. Jahrhunderts, bei der es ihm wichtig war, für jede Szene und jede Gefühlsempfindung genau den Ausdruck zu finden, den er persönlich für passend hielt. Kontrastreiche Rollen prägen das dramatische Werk, für dessen Libretto Martin auf die Evangelien und auf mystische Texte aus den Confessiones des Heiligen Augustinus zurückgriff.

Martins Hauptanliegen bei der musikalischen Umsetzung des Leidenswegs Christi war die musikalische Ausdeutung der Texte. Georg Hage schreibt dazu: Martins «Experimente auf rhythmischem Gebiet sowie die partielle Integration der Zwölftontechnik führten schliesslich zu der für seinen Stil der Reife charakteristischen erweiterten Tonalität, die in Golgotha zur Hervorhebung besonderer Text-Inhalte um Passagen äusserster harmonischer Einfachheit bereichert ist.»

Der Komponist arbeitete drei Jahre an seinem Werk und vollendete es 1948. Die Uraufführung fand 1949 in Genf unter dem Dirigenten Samuel Baud-Bovy statt. Der grosse Erfolg der Uraufführung von Golgotha hat sich gehalten. Das Werk hat seinen unbestrittenen Platz im Standardrepertoire des 20. Jahrhunderts.

Quellen:

Georg Hage, Das Oratorium Golgotha von Frank Martin. Archaisierendes und Modernes in einer Passion des 20. Jahrhunderts. Musica Sacra, Heft 1/2007

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